Frankenberger Zeitung am 23.05.2003
Premiere: Theater-AG der Edertalschule überzeugt mit "Vier Fäuste für ein Hallelujah"
Goethes Tragödie als Western-Quartettspiel
von Thomas Kobbe
FRANKENBERG. Starke Fäuste, verteufelt gute Mephistos, gewitzte Gretchen und eine ausgefallene Ma(r)the-Arbeit: Des berühmtesten Dichters berühmteste Tragödie bringt die Theater-AG der Edertalschule als Western-Quartettspiel auf die Bühne. "Vier Fäuste für ein Hallelujah" animierten Hunderte Hände zu viel Applaus bei der Premiere am Mittwoch im Schreufaer Dampfmaschinenmuseum.
"Ihr wisst, auf unsern deutschen Bühnen, probiert ein jeder, was er mag; Es schreitet in dem engen Bretterhaus, den ganzen Kreis der Schöpfung aus."
Wie es der große Meister im Vorspiel zum Stück vorgibt, zeigt der einzige heimische Beitrag zur nächsten Montag startenden Korbacher Theaterwoche zweierlei ganz deutlich: wie Klassiker unverkrampft modernisiert werden können, und dass Goethe, wäre er 100 Jahre später in Wyoming statt in Frankfurt geboren, mit Sicherheit mehr geschossen als geschrieben hätte.
Es kann doch auch kein Zufall sein, dass den Salon als damaligen Treffpunkt der Literaten nur ein fehlendes "o" vom späteren Aufenthaltsraum der Revolverhelden unterscheidet.Lasst die Fäuste sprechen. Der Tragödie erster Teil beginnt mit dem bekannten Intellektuellengejammer und dem kleinen Zugeständnis Goethes an seine hessische Muttersprache: "Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor." Hintereinander treten die vier Fäuste auf. In grauen Gewändern, also wirklich nur äußerlich farblos, gehen Heike Neumann, Nicole Pauli, Felix und Charlotte Glöde vom ersten (Ein-)Satz an hochkonzentriert zur Sache. Die erscheint zunächst kompliziert: Statt der zwei Seelen wohnen während der Frankenberger Bearbeitung gleich vier Seelen "ach in meiner Brust" - und in denen Mephistos und Gretchens auch. Vier Seelen wie vier Himmelsrichtungen, die Westernwelt als Überhöhung der fortan bedeutendsten: Dies steckt hinter der eigenwilligen wie gelungenen Werksanierung. So gibt es den Kopfmenschen, den Naturmenschen, den Suizidmenschen und den Genussmenschen Faust. Die Teufel (Dennis Majewski, Sarah Güngör, Vera Vetter und Katrin van Well) agieren überaus präsent als Klugscheißer, Hexenmeister, Gewaltbereiter und Verführer.
Und als Versionen von Gretchen 1 bis 4 beeindrucken auf der Bühne Jasmin Graf, Maria Schmid, Laura Köhler und Jeanne Vogt als naives Plappermaul, gezierte Dame, lebenshungriges und naiv-sentimentales Mädel. - Damit sich keiner einen Wolf reitet, polstern Slapstickeinlagen den Sattel beim Ritt durch zwei Stunden Klassik. Es treffen aber nicht nur Pointen aus dem Ponderosa-Westernklischee, sondern auch aktuelle Anspielungen. So hält die Freiheitsstatue eine Flasche Cola hoch und raucht Marlboro, tanzen Cheerleader und spricht Faust 3: "Der Bush, der kann mich wenig kümmern, schlägt er auch die Welt in Trümmern". Des Pudels Kern besteht aus der Elektronik einer Funkfernsteuerung. Genial gelöst die Straßenszene mit Mephisto und Faust: Der Teufel läuft neben dem Doktor her, der auf einem hydraulischen Schaukelpferd sitzt, das sonst meist vor Kaufhäusern zu finden ist.
Das Prädikat "Fantasievoll" verdienen Bühnenbild und Requisiten schon deshalb, weil mit begrenzten Mitteln viel erreicht wurde. Eine transparente Mitte gibt einen zweiten Raum im Hintergrund als Spielfläche frei. Vielleicht sollte vor der nächsten Aufführung die kleine "Seilbahn" überprüft werden, die oft in Szene gesetzt wurde, aber mitunter besorgniserregend knirschte.
Drei mal vier Hauptrollen, dazwischen Schlägereien im Zeitlupentempo, Liebesleid, Satanische Verse und Gretchens Trauer bis ein "Hallelujah" erschallt und die Fäuste ihre Fäuste ballen - Alles zu viel? Unübersichtlich? Unverständlich? Verworren? Keineswegs. Sprache und Ausdruck, Text und Spiel sind auf hohem Niveau synchronisiert. Die dramaturgische Gruppenbildung gelingt in Gänze. Der Erfolg trägt die Handschrift von Spielleiter Paul Möllers, der statt der Mineralwasserdusche am Ende eigentlich doch eher Champagner verdient hätte.Weitere Aufführungen gibt es am heutigen Freitag, am morgigen Samstag und am Sonntag, 25. Mai. Die Aufführung im Rahmen der Korbacher Theaterwoche findet am Freitag, 30. Mai, statt. Beginn ist jeweils um 20 Uhr, Spielort das Dampfmaschinen-Museum im Unternehmenspark Nord bei Schreufa. Karten für fünf und sieben Euro gibt es im Vorverkauf bei Bücher-Battefeld und im "Lädchen" gegenüber der Edertalschule.
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